Ketten im Kopf

März 16, 2010

Moldawien. Eines der ärmsten Länder Osteuropas. Hier regieren Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit Hand in Hand.

Und die Menschen die dort leben? Ihre Verzweiflung und der Wunsch nach einem besseren Leben führt zu dem Willen, im Ausland arbeiten zu wollen um so Geld für ihre  Familien zuhause zu verdienen. Doch da die wenigsten von offizieller Seite her einen Pass oder ein Visum bekommen, führt ihr Weg an Zwischenhändlern vorbei. Zwischenhändler, die Menschen als Ware betrachten. Moldawien – ein Land mit den höchsten Zahlen von Menschen- und Frauenhandel in Europa.

Svetlana vertraute auf eine Bekannte ihrer Mutter, die ihr einen Job als Kellnerin in Istanbul versprach. Sie würde in ein paar Tagen wieder kommen und drückte der Mutter 25$ in die Hand. Ein paar Tage später war Svetlana auf dem Nachhauseweg vom Brotkaufen, als ein Auto mit der Bekannten neben ihr hielt. Wenn sie den Job wolle, müsse sie sofort einsteigen, um das Brot nach Hause zu bringen wäre keine Zeit.

Mit dem Bus fuhren sie, die Bekannte und noch ein anderes Mädchen quer durch Osteuropa bis nach Istanbul. Die Mädchen bekamen ein Zimmer in einem Hotel, die Frau wies sie an, sofort zu schlafen und bei dem Gedanken an einen Job als Kellnerin legten sie sich schlafen. Sie wurden früh am nächsten Morgen geweckt: Kundschaft wäre da. Sie verstanden nicht. Doch das sollte der Anfang eines langen Marathons mit sexueller Ausbeutung, Gewalt und Gefangenschaft werden.

Nach ein paar Monaten in Istanbul wurde Svetlana in den türkischen Teil Zyperns verschleppt. In den Außenbezirken der Hauptstadt Nikosia musste sie fast ein Jahr lang in einem der zahlreichen Bordelle arbeiten. Die Bordelle sind offiziel Nachtclubs, von Stacheldrahtzäunen umgeben, Videoüberwachung und mit Sicherheitsmännern. Ausgang und Freiheit im Vornherein ausgeschlossen. Und genau diese Etablisments werden durch korrupte Polizisten, eine träge Legislative und eine blinde Öffentlichkeit quasi gefördert – dabei ist Prostitution in der Türkei illegal. Ein Zeugnis dessen, wie viel Geld sich mit dem Frauenhandel machen lässt und wie weit dieses Geld fließt.

Eines Tages wurde sie von einem Kunden mit in sein Hotelzimmer genommen. Als sie “fertig” waren, hatte Svetlana die Möglichkeit zur Flucht und rannte zur nächsten Polizeistation. Weinend schilderte sie den Polizisten ihre Situation, dass sie keinen Pass habe und von ihren Peinigern weg wolle. Der Polizist sagte, es wäre alles in Ordnung, nahm sie an der Hand – und brachte sie zurück zu ihrem Chef. Die beiden Männer sind Freunde. Noch am selben Abend kam der Polizist als Kunde ins Bordell.

Ein halbes Jahr verbrachte Svetlana im Drogenrausch. Ihr Boss stellte den Mädchen alle Drogen und allen Alkohol zur freien Verfügung, also nahm sie Koks. das war die einzige “Gegenleistung” die sie für ihre Arbeit bekam. Denn Geld gesehen hat Svetlana in dieser ganzen Zeit nicht.

Die wahre Tragik ist auch, dass die Bevölkerung den Frauenhandel nicht als solchen wahrnimmt. Man sieht die Frauen nicht als Opfer, die sie natürlich sind, sondern als Täter. Sie verschmutzen die türkische Kultur, ruinierten die Ehen und übertrugen Krankheiten. Die Sexsklavinen werden mit Prostituierten verwechselt, die ihre Dienste ja quasi freiwillig anbieten. Und der andere Teil der Bevölkerung? Das sind die Kunden oder die, die sich an dem Geschäft mit den Körpern bereichern.

Menschenhandel mitten in Europa – und keiner sieht hin.

2 Antworten zu “Ketten im Kopf”

  1. Kadda sagte

    wie recht du hast, es ist schon erschreckend, was in deutschland während der WM passiert ist, aber das setzt der unmenschlichkeit noch die krone auf.

  2. Franzi sagte

    Hab ich heute bei 3Sat nen Bericht dazu gesehen, mit der gleichen und ihrer Geschichte eben, ech krass!

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